Jahrestagung des Kriegsenkel e. V.

4.-6. Oktober 2019 | Neudietendorf / Thüringen

Neuland – Die Qualität der Unterschiede

Das ist der Titel der diesjährigen Tagung des Kriegsenkel e.V. Was wir 2018 in Loccum begonnen haben, soll Anfang Oktober 2019 im Zinzendorfhaus in Neudietendorf bei Erfurt seine Fortsetzung finden: eine Annäherung an das gemeinsame Erbe, mit dem wir uns als Kriegsenkelgeneration auseinandersetzen müssen. „In den Schuhen des Anderen“ waren wir bei der 2018er Tagung ein Stück gegangen und haben viel voneinander gelernt. In den Gesprächen über das Gestern wuchsen Verstehen und Beziehung im Heute. „Erlösung liegt in Erinnerung“ singt Herbert Grönemeyer in seinem Song „Neuland“. Also erinnern wir uns und schauen, was sich zeigt.

Wie immer ist es ein buntes, anregendes Programm, das diesmal mit 12 Beiträgen auf uns wartet: wissenschaftliche Vorträge, persönliche Erinnerungen, eine Ausstellung, Filme, Musik und Workshops. In vielfältigen Formaten wird die Jahrestagung Impulse und Anregungen dazu geben, auf die Geschichten der anderen zu hören und sie sich zu eigen zu machen.

Programm

Freitag | 4.10.2019 | 16.30 – 21.30 Uhr

Tagungseröffnung durch den Vorstand des Kriegsenkel e. V.

Begrüßung und Einführung ins Tagungsprogramm mit Vorstellung der Referent*innen und organisatorischen Hinweisen zum Verlauf der Tagung

„Umsiedler oder Vertriebene? – Das Thema Zwangsmigration im ost- und westdeutschen Schulbuchvergleich“ | Ausstellung von Antje Labza

Welche Unterschiede finden sich in der Darstellung der Zwangsmigration der Kriegskinder und ihrer Eltern in ost- und westdeutschen Schulbüchern? Welche – ideologisch begründeten – Arten der Geschichtsschreibung lassen sich in den Schulbüchern des Kalten Krieges wiederfinden? Und welches Geschichtsbewusstsein und welche Geschichtsdeutung zu Flucht und Vertreibung sollten jungen Menschen, darunter natürlich vielen Kriegsenkeln, in Ost und West zu Zeiten des Kalten Krieges vermittelt werden? Die Ausstellung, die während der gesamten Zeit der Tagung zu sehen ist, gibt spannende Einblicke.

„Der Krieg in mir“ | Projektvorstellung Dokumentarfilm mit Sebastian Heinzel

Der Filmemacher Sebastian Heinzel untersucht die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf seine Familie, indem er dem Weg seines Großvaters nach Weißrussland folgt und dabei Verbindungen zu seiner eigenen Vergangenheit und den Kriegsträumen entdeckt, die ihn seit vielen Jahren verfolgen. Heinzel zeigt, wie sich Knoten in der eigenen Familiengeschichte lösen lassen, um Versöhnung und Heilung zwischen den Generationen zu ermöglichen, und gibt Impulse und Anregungen für eine andere Betrachtung der eigenen Biografie.


Samstag | 5.10.2019 | 10 – 21.30 Uhr

„Die Generation der „Hineingeborenen“ in der DDR“ | Vortrag mit Prof. Dr. Gerd Dietrich

Die Kriegsenkel sind die eigentlichen „Kinder der Republik“, hineingeboren in das Land DDR. Diese Generationen haben zwar maximal vierzig Jahre ihres Lebens in der DDR verbracht. Aber über ihre Erfahrungen wird heute noch ebenso kontrovers diskutiert, wie über die Erklärungsmuster der DDR-Gesellschaft. Im Unterschied zu den politischen DDR-Generationen umfassen Bezeichnungen wie „Hineingeborene“ eher allgemeine Erfahrungen, Haltungen und Mentalitäten. Allerdings haben sie das Ende der DDR herbeigeführt, aktiv oder passiv. Deswegen spielen sie auch eine eminent politische Rolle.

„Wer nichts riskiert kommt nicht nach Waldheim. Die Geschichte meiner politischen Großväter“ | Vortrag und biografische Erzählung von Carsten Schubert

Carsten Schubert erzählt die Geschichte seiner politischen Großväter. Der aus der väterlichen Linie wurde 1933 als Mitglied der KPD verhaftet und 1934 zu vier Jahren Haft in der Landesstrafanstalt Waldheim verurteilt. Der aus müttlerlicher Linie erlebte 1946 seine Verhaftung als NSDAP-Mitglied. Nach vier Jahren Schweigehaft unter sowjetischer Besatzung wurde er 1950 zu zwölf Jahren Haft im Zuchthaus Waldheim verurteilt.  Beide Urteile wurden nach dem Untergang der jeweiligen Diktatur revidiert. „Für viele Kriegsenkel sind die unerzählten Geschichten ihrer Großväter eine Kraft, die Lebensenergie bindet“, sagt Carsten Schubert. „Erst die ganze Würdigung von lichten und schattigen Aspekten unserer Ahnen bringt uns Nachgeborenen in die Kraft, die wir heute brauchen.“

„Wunden spüren, Versöhnung gestalten“ | Klezmer-Konzert mit Rohzinkes

Das Klezmer-Trio  Rohzinkes lässt beim Konzert im Rahmen der Tagung „Neuland“ traditionelle Melodien aus dem Repertoire der osteuropäischen Klezmorim erklingen, kontrastiert durch eigene Kompositionen und Bearbeitungen von klassischen Kompositionen. Musik zum Lauschen, zum Tanzen, zum Feiern, zum Nachdenken. Und all das handgemacht, das heißt arrangiert, komponiert und moderiert von den Künstlern selbst. Persönliche Reflexionen über Erfahrungen und Resonanzen bei Konzerten in Ost und West, sowie Einblicke in die Familiengeschichten der Musiker runden das Format ab.

Workshops

  • „Neuland – Deine Zukunft fing gestern an“ | Kunst-Workshop mit Anja K. Roosen
  • „Vaterfrieden“ – Austausch und Klärung zur eigenen Vaterbeziehung | Workshop mit Carsten Schubert
  • „Märchenwege für Kriegsenkel“. Die Kraft der Symbole aus Märchen | Musik. Performance & Workshop mit Birgit Schulz
  • „Die Wünsche, die wir uns versagen“ | Familiensystemischer Workshop mit Sven Rohde
  • „Wie dich Kriegsenkel-Seelenreisen in der Natur neu und authentisch verwurzeln“ I Workshop und Übung mit Dr. Iris Wangermann
Anschließend Austausch zu den Eindrücken, Erlebnissen und Erfahrungen aus den Workshops im Plenum.

Sonntag | 6.10.2019 | 10 – 13 Uhr

„Ostdeutsche Berufsbiografien aus psychohistorischer Perspektive“ | Vortrag mit Cornelia Stieler

Seitdem die politische Situation in Ostdeutschland bewusst macht, wie fragil die Demokratie in Deutschland zu sein scheint, suchen immer mehr Politiker, Wissenschaftler und Intellektuelle nach den Gründen für die Wut und Unzufriedenheit, die sich u.a. im Wahlverhalten ihren Weg bahnt. Dabei werden die beruflichen Verwerfungen der „90er“ benannt und Gefühle des „Abgehängt-Seins“ konkretisiert. Ein „Neuland“ im wahrsten Sinne war die Arbeitswelt, in die Ostdeutsche in den 90ern „katapultiert“ wurden. Was dies für die ostdeutsche Kriegsenkel-Generation bedeute und wie die Veränderungen der Nachwendezeit mit familiären Erfahrungen korrespondierte oder kollidierte, versucht Cornelia Stieler in ihrem Vortrag zu beschreiben. Dabei möchte sie mit ihrem Beitrag zu einem erweiterten Blick und zu einem wertschätzenden Ost-West-Dialog einladen.

„Über Leben in Demmin. – Ein Jahr danach“ | Vortrag mit Martin Farkas

Zur großen Überraschung des Regisseurs selbst ist der Film „Über Leben in Demmin“ von Martin Farkas  sehr gut angekommen und wurde von vielen Menschen gesehen. Liegt das nur am Thema, das offensichtlich sehr viel mehr Menschen bewegt, als an der Oberfläche wahrnehmbar?  Oder hat es auch mit der Form des Films zu tun – und wenn ja, was heißt das für weitere Auseinandersetzungen mit den Themengebieten Krieg und Nachkriegszeit in künstlerischer und medialer Form?

Eindrücke des Tagungschronisten Hans Bartosch
Was passierte im Verlauf der Tagung; was war zu spüren? Haben wir eine Qualität der Unterschiede wahrgenommen? Wie sind wir ins Gespräch gekommen; was blieb offen? Wovon sind wir berührt und was lässt uns fragend weitergehen? – Der teilnehmende Tagungsbeobachter, Seelsorger und Buchautor Hans Bartosch schildert uns seine Eindrücke zum Abschluss der Tagung.
Anja Katharina Roosen, 1970 geboren, ist Diplom-Heilpädagogin und Kunsttherapeutin. Seit 1999 arbeitet sie in der Klinik Hohe Mark in Frankfurt am Main mit Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Über ihren Beruf und ihre eigene Familiengeschichte kam sie in Kontakt mit dem Thema Kriegsenkel. Im Offenen Atelier Frankfurt bietet sie Einzelstunden und Gruppen für Kriegsenkel und Kinder traumatisierter Eltern an.

Antje Labza, 1977 geboren, hat unter anderem Geschichte an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg studiert und dort im Rahmen eines Seminars zu Flucht und Vertreibung geforscht. Zur Zeit als Studienrätin an einem Celler Gymnasium tätig und in der Kriegsenkelgruppe Hannover aktiv.

Birgit Schulz ist Kulturwissenschaftlerin. Sie studierte Musik, Literatur, Theater und Psychologie, hat sich viele Jahre mit Märchen beschäftigt, bringt Bühnenerfahrung als Sängerin und Pianistin mit und leitet Theater- und Märchen-Workshops. Sie hat sich intensiv mit der kriegsgeprägten Geschichte ihrer Vorfahren auseinandergesetzt und lebt bewusst als Mutter, Ehefrau, Lernende und Hochsensible.

Carsten Schubert, 1966 geboren in Glashütte/Sachsen, lernte Tischler, studierte Wirtschaftswissenschaften und machte danach Ausbildungen zum Psychologischen Berater und Coach/Supervisor. Für Kriegsenkel e.V. leitet er seit 2018 Einsteigerseminare.

Cornelia Stieler ist Kommunikations- und Betriebspsychologin, Wirtschaftsmediatorin, Systemischer Coach/ Beraterin/ Familientherapeutin. Sie gründete ihr eigenes Unternehmen, die WaldAkademie in Machern bei Leipzig, und die Marke OSTZIGARTIG, die sich zum Ziel gesetzt hat, Ost-Erfahrungen in ihrer Einzigartigkeit zu entdecken, zu fördern und in die Gesellschaft zurückzuspielen.

Prof. Gerd Dietrich, 1945 geboren in Rudolstadt/Thüringen, ist Historiker und war bis zu seiner Emeritierung 2010 Hochschullehrer an der Humboldt-Universität Berlin. Er hat eine dreibändige „Kulturgeschichte der DDR“ verfasst.

Hans Bartosch, 1962 als Kind des Ruhrgebiets geboren, hat „Pfarrer gelernt“ und seit 1989 praktiziert. Seit 1994 ist er ausschließlich in der Diakonie tätig und seit 2012 in Sachsen-Anhalt, Seelsorger für Krankenhäuser und Hospize in den Pfeifferschen Stiftungen Magdeburg sowie als Koordinator der klinischen Ethikarbeit.

Dr. Iris Wangermann ist Interkulturelle Diplom-Psychologin & Trainerin, Begleiterin von Kriegsenkel-Seelenreisen in der Natur und seit 2019 Seminarleiterin von Einsteigerseminaren des Kriegsenkel e. V.

Martin Farkas, 1964 im Allgäu geboren, ist mehrfach ausgezeichneter Kameramann und Regisseur. Er arbeitete unter anderem mit Dominik Graf und ist für dessen Spielfilm „Am Abend aller Tage“ für den Grimme-Preis nominiert. „Über Leben in Demmin“ ist Farkas’ dritte Regiearbeit.

Rohzinkes. Das Leipziger Klezmer-Ensemble – das sind Samuel Seifert (Violine, Harmonika, Gesang), Karolina Trybala (Gesang, Perkussion) und Tilmann Löser (Piano). Rozhinkes hat in den letzen Jahren seinen ganz eigenen konzertanten Stil der Klezmer-Musik entwickelt. Die Musiker*innen widmen sich seit 2011 intensiv der Musik der osteuropäischen Juden. Alle drei studierten in Leipzig und entdeckten auf unterschiedlichen Wegen ihre Faszination für die Klezmer-Musik.

Sebastian Heinzel, 1979 in Kassel/Hessen geboren, ist Autor, Regisseur und Filmproduzent. 2010 gründete er seine eigene Filmproduktionsfirma Heinzelfilm. Mit  Gleichgesinnten rief er den gemeinnützigen Verein „Kulturwelten“ ins Leben und organisiert Filmfestivals und Veranstaltungsreihen. Er arbeitet weltweit als Dozent an Hochschulen und leitet Workshops und Seminare.

Sven Rohde ist Journalist, Autor und Coach und lebt in Hamburg. Im Januar 2018 erschien sein Artikel zum Thema in „Psychologie Heute“. Seit 2018 ist er Seminarleiter von Einsteiger- und Vertieferseminaren und im Vorstand des Kriegsenkel e. V. engagiert.

Format

Der Kriegsenkel e. V. richtet seit 2012 jährlich eine thematische Tagung aus, in der die Kriegsenkel-Thematik aus verschiedenen oder einer ganz bestimmten Perspektive betrachtet wird. Gemeinsam mit  Referent*innen, Workshopleiter*innen, Künstler*innen, Teilnehmer*innen und Organisator*innen bewegen wir neue Impulse zum Thema, vertiefen unser Wissen, tauschen persönliche Erfahrungen und Empfindungen aus, nehmen Anteil an unserer Geschichte und begleiten uns auf dem Weg in den inneren und äußeren Frieden.

Unsere Tagungen stehen seit jeher allen Menschen offen, die sich für die Kriegsenkel-Thematik interessieren: persönlich Betroffene, die ganz am Anfang mit dieser biografischen Betrachtungsperspektive stehen oder jene, die bereits sehr erfahren in dieser persönlichen Auseinandersetzung sind; Menschen, die sich künstlerisch, forschend, wissenschaftlich oder medial mit dem Thema beschäftigen; ehrenamtliche oder hauptamtliche Helfer, die Menschen auf ihrem persönlichen Weg der Reflexion und Heilung begleiten. Die Tagung ist getragen von großer Aufmerksamkeit für die Impulse, den persönlichen Begegnungen und einer liebevollen sowie professionellen Ablauforganisation.

In unserem Blog können Sie einen Rückblick auf einige der letzten Tagungen werfen.