Begriff

Der Begriff „Kriegsenkel“ leitet sich in Deutschland aus dem Aufeinanderfolgen von drei bestimmten Generationen ab: Menschen, die den 2. Weltkrieg und das NS-Regime als Erwachsene erlebt haben, bilden die erste Generation. Zur zweiten Generation zählt man deren Kinder, wenn sie zwischen 1928 und 1946 geboren wurden. Dies sind die sogenannten „Kriegskinder“. Deren Kinder wiederum gelten als die sogenannten „Kriegsenkel“. Sie gehören in der Regel den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1960 und 1975 an.

Die Eltern der „Kriegsenkel“ waren Kinder und Heranwachsende während des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie wurden geprägt durch die NS-Ideologie und den Krieg. Im Zusammenhang mit Bombardierung, Flucht, Vertreibung, Hunger, Gewalt, sowie Verlust von ihnen nahestehenden Menschen haben diese Kinder schwere traumatische Erfahrungen gemacht, die nicht verarbeitet werden konnten. Sie erfuhren keine angemessene Anteilnahme und Begleitung durch erwachsene Bezugspersonen oder im Rahmen therapeutischer Hilfe.

Inzwischen bestätigen Forschungen der Psychologie sowie der Humangenetik, dass sich unverarbeitete Traumatisierungen auch auf Nachfolgegenerationen auswirken können. So ist es möglich, dass Menschen von Ereignissen belastet sein können, die bereits Jahrzehnte vor ihrer Geburt stattfanden. Die Prägungen durch Familiensysteme, die durch Kriegsereignisse beschädigt wurden, können neben traumatischen Erfahrungen eine weitere Ursache für Beeinträchtigungen darstellen.

„Die Relevanz des Begriffs „Kriegsenkel“ erklärt sich aus der Tatsache, dass er auf Zusammenhänge zwischen Generationen hinweist. Weil er den Horizont über die eigene Lebensspanne hinaus in die Vergangenheit erweitert, kann er zum Schlüssel werden, um Unstimmigkeiten im Kontext der eigenen Biographie zu deuten, die bislang nicht aus den Lebenszusammenhängen zu erklären waren. Mithin erlaubt er also, Erfahrungen des Scheiterns, existenzieller Brüche oder pathologische Erscheinungen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte als transgenerationale Folgen traumatischer Erfahrungen der Eltern zu deuten und dadurch in einen anderen Verständnisrahmen einzuordnen.“ (Dr. Joachim Süss)

In der gelebten Auseinandersetzung mit dem familiären und persönlichen Erbe haben sie sich allerdings auch Ressourcen erschlossen, die für die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte von großer Bedeutung sind:

„Doch ist das ganz besondere Erbe, dass [die Kriegsenkel] tragen, immer nur eine Belastung? Durch ihre Familiengeschichte und besondere Sozialisation haben viele von ihnen eine mentale Ausstattung entwickelt, die es ihnen ermöglicht, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen. Sie arbeiten verantwortlich mit an der Ausgestaltung einer mitfühlenden, menschlichen und demokratischen Gesellschaft, in der die Unterschiedlichkeit, das Andere und das Fremde als Bereicherung erfahren werden. So kann die nächste Generation eine befreite Generation sein. Darin besteht das gesellschaftliche Potenzial der Kriegsenkel.“ (Ingrid Meyer-Legrand)